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Tradition und Dankbarkeit

Undank ist der Welt Lohn. Von den 10 geheilten Aussätzigen kehrte nur ein einziger zurück, dem Herrn zu danken. Doch sieht es unter denen, die in der Welt, aber nicht von der Welt sind, besser aus? Wo bleibt der Dank derer, die mit dem Glauben und den Geboten, der Gotteskindschaft und der Sündenvergebung, dem Opfer des Altares und dem Leib Christi, mit der Salbung des Heiligen Geistes und dem Segen des Dreieinen beschenkt wurden? „In Wahrheit ist es würdig und recht, angemessen und heilsam, Dir immer und überall Dank zu sagen“, beginnen die Präfationen der heiligen Messe. Die Wirklichkeit jedoch will mit solchen frommen Wünschen oft nicht zusammenstimmen.

„Danken“ kommt von „denken“. Wer dankbar ist, läßt das Gute, das ihm zuteil wurde, nicht dem Vergessen anheimfallen, sondern hält es sich bewußt gegenwärtig und drückt seine Erinnerung daran gegenüber dem Wohltäter aus. Je schnellebiger, reizüberfluteter und oberflächlicher eine Zeit, desto notwendiger wird die Bemühung, Wichtiges und Wesenhaftes wie kostbares Treibgut aus dem vorüberfließenden Strom zu retten. Zwar tragen solche Güter in sich die Gewähr, niemals ganz abhanden zu kommen. Aber die Erfahrung lehrt, daß sie sich in der Erinnerung einzelner und auch ganzer Gemeinschaften durchaus verflüchtigen können und schließlich für eine beträchtliche Zahl von Menschen unwiederbringlich verloren gehen.

Die Dankbarkeit setzt daher eine Kultur des Gedächtnisses voraus. Nirgendwo liegt eine solche in vollkommenerer und lebendigerer Gestalt vor als in der kirchlichen Tradition. Hier wird nicht nur die Erinnerung an die Großtaten, die Gott einmal für uns gewirkt hat, weitergegeben zu stetem Gedenken; vielmehr finden diese Ereignisse selbst eine wirkliche und wirksame Vergegenwärtigung in der liturgischen Feier. Man hat in der Theologie ausführlich darüber gestritten, wie die Mysterien der Erlösung im Kult der Kirche wiedererstehen. Wichtiger ist in unserem Zusammenhang, daß es sich tatsächlich, und nicht nur symbolisch oder gedanklich, so verhält.

Allen anderen Heilsereignissen voran findet hier das Pascha des Neuen Bundes seine Vergegenwärtigung. Geheimnisvoll, aber wirklich erneuert sich auf unseren Altären die Schlachtung des Paschalammes Jesus Christus, um Gott zu verherrlichen, uns zu erlösen und hinüberzugeleiten in das Gelobte Land des Himmels. Der Ausdruck „Pascha“ läßt aber bereits erkennen, daß auch der entsprechende Vorgang des Alten Bundes und der daran anknüpfende Ritus der Juden im Kult der Kirche in gewisser Weise weiterleben. Und so könnten wir nun das Reich der göttlichen Offenbarung seiner Länge und Breite nach durchwandern, von der Schöpfung und der Patriarchenzeit bis zu den Stationen des Erdenwandels Jesu, ja bis zu den Verheißungen für den Jüngsten Tag: Zu allem würden wir im Schatz der Kirche eine Entsprechung finden, die nicht nur toter Buchstabenglaube, sondern lebendige Vergegenwärtigung ist.

„Traditionsbewußter Katholik“ sollte daher gleichbedeutend sein mit „dankbarer Katholik“. Denn unsere Tradition ist eine ständige Wiedererinnerung an das Große, das der Mächtige an uns getan, dessen Name heilig ist. Und somit eine einzige Aufforderung, darauf mit dem Magnificat unseres Lebens zu antworten. In der kirchlichen Gegenwart, die durch einen gewaltigen Traditionsbruch, erschreckende Gedankenlosigkeit und treulosen Undank gekennzeichnet ist, sind wir mehr denn je aufgefordert, den Anruf der Präfation zu beherzigen: „In Wahrheit ist es würdig und recht, angemessen und heilsam, Dir immer und überall Dank zu sagen.“

P. Bernward Deneke