„Spe Salvi – Auf Hoffnung hin gerettet“
Zur neuen Enzyklika von Papst Benedikt XVI.
von P. Bernward Deneke
Die jüngste Enzyklika Papst Benedikts XVI. hat – ähnlich seiner ersten – Erstaunen ausgelöst. Weniger erstaunlich wäre es wohl gewesen, der Papst hätte sich eine der aktuellen Fragen des kirchlichen und öffentlichen Lebens vorgeknöpft, hätte in diesem oder jenem Punkt die Zügel etwas straffer angezogen oder sie gelockert. Damit rechnet man ja ohnehin. Und auch mit den darauf folgenden Reaktionen: Was den einen als rückschrittlich und weltfern, hart und streng erscheint, das ist den anderen wieder einmal zu anpasserisch und weich! Daß der einst zu Unrecht als „Panzerkardinal“ Gescholtene sich aber außerhalb solcher Gefechte begeben würde, um in dem scheinbar neutralen Bereich der christlichen Tugendlehre seine Gedanken zuerst der Liebe und jetzt der Hoffnung zuzuwenden, das hätte man ihm eigentlich nicht zugetraut.
Ein genaueres Studium von „Spe Salvi“ freilich führt zu einer anderen Sicht der Dinge: Mit der Wahl des Themas „Hoffnung“ hat sich der Papst keineswegs aus den Diskussionen der Gegenwart verabschiedet. Der Verdacht des typischen Theologen-Irenismus, der um des lieben Friedens willen die Konfliktzonen auf hoch- und feingeistige Weise umschifft, ist hier ganz unberechtigt. Gerade die Hoffnung nämlich hat es „in sich“.
Zunächst muß aber dennoch darauf hingewiesen werden, daß die Verkündigung der Grundlagen christlichen Glaubens und Lebens niemals einer Rechtfertigung durch aktuelle Probleme bedarf. Die Kirche braucht wirklich keine ängstlichen Blicke auf die Zeitumstände zu werfen, um ihre Verkündigung nach ihnen auszurichten und so up to date zu bleiben. Vor allem wichtige Glaubensinhalte, von denen insgesamt zu selten und zu wenig gesprochen wird, sind auch dann zeitgemäß, wenn die öffentliche Nachfrage nach ihnen nicht übermäßig groß ist.
Leider ist das ja bei der Hoffnung der Fall: Obgleich immerhin die zweite göttliche Tugend, interessiert sie einen beträchtlichen Teil der Christen herzlich wenig. Und zudem wissen uns die Katechismen und Glaubensbücher oft nicht sonderlich viel über sie zu sagen.
Das Kompendium zum Katechismus der Katholischen Kirche etwa begnügt sich dort, wo es auf die Frage „Was ist die Hoffnung?“ antwortet, mit nur einem einzigen (allerdings recht komplexen und gehaltvollen) Satz: „Die Hoffnung ist jene göttliche Tugend, durch die wir das ewige Leben als unser Glück von Gott ersehnen und erwarten, indem wir auf die Verheißungen Christi vertrauen und uns auf die Gnadenhilfe des Heiligen Geistes verlassen, damit wir das ewige Leben verdienen und bis zum Ende des irdischen Lebens ausharren.“ (Nr. 387) In vielen Katechismen fallen die Antworten übrigens weitaus schmächtiger aus.
Bedürfte die Themenwahl des Heiligen Vaters für seine Enzyklika also wirklich einer Begründung, dann könnte auf den Umstand hingewiesen werden, daß die Tugend der Hoffnung weithin allzu stiefmütterlich behandelt wurde und wird. Und noch ein anderer Umstand wäre anzuführen. Der Papst selbst erwähnt ihn und widmet ihm einen beachtlichen Teil seines Schreibens: Ein falscher Hoffnungsbegriff grassiert! Nicht nur in den utopischen Träumereien aller derer, die einen kollektiven Fortschritt der Menschheit erwarten und dabei entweder auf Evolution oder Revolution, auf technische Weltbeherrschung, Manipulation am menschlichen Erbgut oder ideologisch-psychologische Gesellschaftsveränderung setzen. Nein, auch in kirchlichen Milieus hat sich eine „Hoffnung“ breitgemacht, die sich tiefgreifend von der zweiten göttlichen Tugend unterscheidet.
Vom „Prinzip Hoffnung“ des Neomarxisten Ernst Bloch führt tatsächlich eine erkennbare Spur zu den politisierenden Entwürfen der „Theologie der Hoffnung“ und der „Befreiungstheologie“. Damit hatte sich unser Papst bereits als Professor und später an der Glaubenskongregation kritisch zu befassen, erkannte er doch deutlich die Gefährlichkeit einer solchen Neuinterpretation der Hoffnung.
In der Enzyklika „Spe Salvi“ nun setzt er diese Gedankenbahnen fort. Dabei geht es Benedikt XVI. nicht nur darum zu zeigen, daß der als „Hoffnung“ präsentierte Machbarkeits-Wahn zum Scheitern verurteilt ist. Der Papst bleibt auch die wahrhaft notwendende Antwort nicht schuldig, denn er stellt uns das christliche Hoffen auf Gott, auf die Macht Seiner göttlichen Erlöserliebe, vor Augen.
Es ist also höchst aktuell, sich mit der Hoffnung zu befassen, weil sie heute wie zu allen Zeiten so wichtig und zugleich so angefochten ist. Nach dem herrlichen Bild des Hebräerbriefes hat der hoffende Mensch „gleichsam einen Anker für seine Seele, der sicher ist und fest und hinreicht in das Innere hinter dem Vorhang, wohin Jesus als Vorläufer für uns eingegangen ist“ (Hebr 6,19). Die Hoffnung schenkt dem Christen also schon im irdischen Leben eine Gewißheit des himmlischen Lebens, und kraft dieser Vorwegnahme seiner Vollendung vermag er dann auch Schweres und Schwerstes durchzustehen, weiß er doch, daß dies alles bei Gott seinen letzten Sinn findet.
Hingegen scheitert ein hoffnungsloser Mensch oft schon an geringsten Hindernissen. Wo es keinen umfassenden und höchsten Sinn des Lebens gibt, da lohnt es sich eben auch nicht zu leiden. Und so wird die tiefe Kluft zwischen den Hoffenden und „jenen, die keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,13), gerade in Krisen, in Unterdrückung, Verfolgung und Gefangenschaft immer wieder offenbar.
Der Unterschied zwischen denjenigen, die dann aufschauen und ihr Haupt erheben können, weil sie um die nahende Erlösung wissen (vgl. Lk 21,28), und den anderen ohne solche Zuversicht ist gewaltig. Wem sich der Stern der Hoffnung verdüstert, dessen Antlitz verfinstert sich, und wem dieser Stern sinkt, der fällt in sich zusammen.
Wohl versteht es die Hoffnungslosigkeit, sich unter verschiedenen Masken zu tarnen: Nicht nur offene Verzweiflung, Niedergeschlagenheit und Resignation sind ihre Erscheinungsformen, sondern auch Vergnügungs- und Genußsucht, Spott und Zynismus. Ja, sogar eine bestimmte Art von hohlem Optimismus und die Vermessenheit derer, die sich ohne eigenes Mittun der göttlichen Huld sicher wähnen, sind Gestalten der Hoffnungslosigkeit. Wer aber sein geistliches Sensorium schärft, der nimmt doch deutlich die tiefe Traurigkeit und die beklemmende Ausweglosigkeit wahr, die ihm von dorther entgegenweht. Es ist unverkennbar die Atmosphäre des „Fürsten dieser Welt“ (vgl. Joh 12,31f.)! Man kann sich des Eindrucks leider nicht erwehren, daß sie sich immer weiter ausbreitet…
Daher ist dem Papst so sehr daran gelegen, daß in unserer Zeit der Stern der Hoffnung nicht erlösche und sinke, sondern den Menschen mit seiner ganzen Schönheit und Anziehungskraft voranleuchte. Und wir tun gut daran, unseren Oberhirten bei dieser Mission mit unserem Gebet und Lebenszeugnis zu unterstützen. „Spe salvi facti sumus - Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“ (Röm 8,24), und unsere eigene Hoffnung soll auch zur Rettung vieler anderer beitragen.
