Das Reich Gottes ist inwendig in euch
Vortrag von Sr. Isa Vermehren (Auszug)
Die Traditionen der modernen Herz-Jesu-Verehrung geht von den Privatoffenbarungen aus, die der heiligen Margaretha Maria Alacoque zuteil geworden waren. Und in diesen Offenbarungen stehen solche Mitteilungen im Mittelpunkt, die der Herr ihr macht über die Regungen des Glücks, mehr noch der Not, die er in seinem Herzen empfindet, wenn die Menschen seine Liebe erwidern oder verschmähen. Jesus teilt diese Not der Heiligen mit und läßt dabei erkennen, wie sich seine Liebe durch den Schmerz des Abge-wiesenwerdens nicht etwa verringert oder gar abwendet, sondern verdoppelt im Mitleid mit dem, der sich ihr verschließt. Er weiß, daß seine Liebe Leben bedeutet, ihre Ablehnung aber zum Tode führt. Er beantwortet die Ablehnung mit verdoppelter Liebe und macht so für den Sünder gut, was dieser schuldig bleibt, immer in der Erwartung, daß er sich bekehrt, bekehrt wird durch das Übermaß seiner Liebe. In diesem Überfluß seiner Erlöserliebe spiegelt sich etwas von der Paradoxie (Wiedersinnigkeit) des Kreuzes, daß aus dem Tod Leben kommt. In ihr enthüllt sich außerdem das, was im Zusammenhang mit der Herz-Jesu-Verehrung unter Sühne verstanden wird. Stellvertretend für einen anderen die geschuldete Liebe leisten, bis dieser kommt, um seinen Platz in der Liebe Gottes einzunehmen. Die Mitteilung an die Heilige über die intimen Vorgänge in seiner Erlöserliebe enthalten zugleich die Aufforderung, Jesus mit meiner Liebe zu ihm in diese Erlöserliebe zu folgen. (...) Das Entscheidende ist, daß die Verehrung seines Herzens uns konfrontiert mit dem innersten Wesen der Sünde, die in der Ablehnung der Liebe Gottes besteht. Daß wir dieser Ablehnung (...) - nochmals mit Liebe zu begegnen vermögen, mit seiner Liebe wohlgemerkt und um ihretwillen, das zieht uns herein in die Erlöserliebe, von der sein Herz überfließt. Diese Ablehnung geht allem bösen, Unheil stiftenden Handeln voraus. Wir versuchen oft, die Folgen bösen Handelns zu kurieren - die Herz-Jesu-Verehrung versucht, es an der Wurzel zu bekämpfen. Ihre großen Mittel heißen Sühne und Bekehrung.
Die Anstrengungen dieser Frömmigkeit gehen lange Zeit nach innen, bevor sie sich nach außen wenden, ja, selbst dann und da, wo einer, der das Herz des Herrn liebt, ganz in der Hingabe an ein sich nach außen wendendes Werk steht, zählt eigentlich nur die innere Dimension, jene Herzensgesinnung, die in allem extrovertierten Tun dennoch intimer Austausch mit dem Herrn selber bleibt. Erfolg, Mißerfolg, Not, Angst, alle Art von Gefährdung, die man bei der gewissenhaften Ausübung jeder Tätigkeit durchmacht, sind wie kleine Bausteine oder auch wie Herzschläge in der Beziehung zu ihm: Im Blick auf die Liebe seines Herzens verwandelt sich alles in Teilhabe und Mitteilung, in Ausdruck von Vertrauen, Hingabe, Liebe, die langsam die Abstände verändert, die größere Nähe zu ihm bewirkt, mehr Distanz zu sich selber und gleichzeitig größere Unmittelbarkeit in der Beziehung zum Nächsten.
Es ist ein Kennzeichen der Herz-Jesu-Frömmigkeit, daß sie sich jene Bereiche des Wirkens vorbehält, die in der Geborgenheit der Innerlichkeit des Menschen liegen. Dort verfangen die Methoden normaler Auseinandersetzung nicht: Dort gibt es kein Argumentieren oder gar Rechtbehalten, sondern - nach dem Vorbild des Herrn - Formen des Tragens, Ertragens, von Geduld und Demut, von Verzeihen und Barmherzigkeit, von Zuvorkommen und in neuer Freiheit wieder Entgegengehen. Immer bleibt der innere Blick auf der Suche nach jener Spur der Gnade, die zur Bekehrung führen will. Was sich widersetzt, wird im eigenen Herzen mitleidend ausgelitten, ausgehalten und wieder gutgemacht.
Herz-Jesu-Frömmigkeit macht empfindsam für verborgene Schuld. Unser Zeitalter ist gekennzeichnet von Angst, die aus ungesühnter Schuld kommt. (...) Viele leiden unter der stickig gewordenen Luft in unserer permissiven Gesellschaft, die glaubt, in ein fades Meinen und Probieren und alles Geltenlassen ausweichen zu können vor dem unerbittlichen Ernst göttlichen und menschlichen Liebens und Sterbens.
Liebe zum Herzen Jesu macht bereit, sich an die äußerste Grenze des Liebenwollens und -könnens vorzuwagen, wo schließlich die größere Verähnlichung mit seinem durchbohrten Herzen auch der Lohn der Liebe ist. Nicht spektakuläre Werke sind gemeint ; (...) es ist die Sanftmut des Herzens Jesu, die zum Aushalten von Untreue in Treue bewegt, die zur Hinnahme von Undankbarkeit befähigt, ohne nachzulassen in der Zuwendung, die das Übersehenwerden erträgt ohne Bitterkeit, Abhängigkeit aushält ohne Einbuße an innerer Freiheit, die im niedrigen, verborgenen Dienst die größere Nähe zum unter uns weilenden wirkenden Heiland findet. Liebe zum Herzen Jesu befähigt zum Aufbruch in die finstersten Herzkammern jener, die vom Aussatz verdrängter Schuld befallen sind, die sich aus Verzweiflung an sich selbst in fade Vergnügungen flüchten, die vor Gott stolz sein wollen. - Das sind alles Erfahrungen unserer inneren Gebrechlichkeit, die der Menschgewordene auf sich genommen hat, deren Last wir mit umso größerer Freude tragen, je mehr wir darin die Last seines Kreuzes erkennen.
