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Piusbruderschaft, quo vadis?

Von P. Engelbert Recktenwald

9. Juli 2008

„Unsere Gegner fürchten nichts mehr als eine Rückkehr der Priesterbruderschaft des hl. Pius X. in die volle kirchliche Gemeinschaft mit einem Nachfolger Petri, dessen Anhänglichkeit an die liturgische Tradition der Kirche sie teilen“, schrieben Kurt Bantle, Dr. Rudolf Kaschewsky und Dr. Helmut Rückriegel (d.i. der Vorstand der UNA VOCE Deutschland e.V.) in einem flammenden Appell angesichts des Motu Proprio Summorum Pontificum an ihre „Freunde“, die Priesterbruderschaft St. Pius X., in der UNA VOCE Korrespondenz 1/2008.

Doch die Piusbruderschaft sieht das anders. Sie möchte von Rom nicht anerkannt und als eine Gemeinschaft päpstlichen Rechtes errichtet werden, solange Rom nicht alle Bedingungen erfüllt, die die Piusbruderschaft aufstellt. Dazu gehören die Aufhebung der Exkommunikation der widerrechtlich geweihten Bischöfe und die „Bekehrung“ Roms zur Tradition.

Das heißt: Die Piusbruderschaft stellt sich Verhandlungen mit Rom wie Verhandlungen mit möglichen Koalitionspartnern in der Politik vor. Dort ist jede Partei frei, eine Koalition einzugehen oder nicht. In der Kirche dagegen ist man zur Unterwerfung unter den Heiligen Stuhl verpflichtet. „Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig“, lautet die Lehre, wie sie Bonifaz VIII. in der Bulle Unam Sanctam vorlegt und von der die Piusbruderschaft behauptet, sie anzuerkennen.

Der Gehorsam gegenüber dem Papst hat nur dort seine Grenzen, wo er etwas Verwerfliches gebieten würde. Die Bedingungen, die Rom der Piusbruderschaft stellt, enthielten und enthalten - auch nach deren eigenem Bekunden - nichts Verwerfliches. Damit ist für jeden, der am überlieferten Glauben festhält, die Sache klar: Eine Weigerung, sich Rom zu unterwerfen, kann nicht gerechtfertigt werden.

Nach Meinung der Piusbruderschaft ist die Zeit für eine Einigung noch nicht reif. Das ist die verräterische Sprache desjenigen, der eine Einigung mit Rom für die Sache freier Koalitionsverhandlungen hält.

Aber vielleicht hat die Piusbruderschaft doch gewichtige Argumente für ihre Haltung? Schauen wir uns den Rundbrief des Generaloberen Bernard Fellay vom 14. April 2008 an, in dem er seine Verweigerungshaltung begründet. Es ist übrigens derselbe Generalobere, der im Jahr 2000 auf eine entsprechende Interviewfrage von 30Giorni geantwortet hatte, er würde aus kindlichem Gehorsam gegenüber dem Haupt der Kirche gelaufen kommen, wenn der Papst ihn rufe. Die gutgläubige Annahme, das für bare Münze nehmen zu können, hatte damals Kardinal Castrillon Hoyos zur Hoffnung auf eine schnelle Einigung mit der Piusbruderschaft verleitet.

Im genannten Rundbrief erklärt Bischof Fellay, das Grundprinzip der Piusbruderschaft sei die Bewahrung des Glaubens. Das wäre natürlich nur dann ein Argument, wenn es unmöglich wäre, den Glauben zu bewahren, wenn man in Einheit mit Rom steht. Meint Fellay das wirklich? Das geht nicht eindeutig aus seinem Text hervor.

Fellay führt die Änderungen an, die nach dem II. Vatikanum die Sicht der Kirche auf sich selbst, auf die Welt, auf die Staaten und auf die anderen Religionen bestimmt haben. Er spricht von der Revolution von 1789, die in die Kirche eingedrungen sei. Um Papst Benedikt XVI. auf diese Revolution festzulegen, bringt er ein Zitat aus dem Jahr 1984, das lautet: “Die Aufgabe der 60er Jahre bestand darin, sich die besten Werte, die in zwei Jahrhunderten liberaler Kultur zum Ausdruck kommen, anzueignen. Dies sind in der Tat Werte, die, selbst, wenn sie nicht innerhalb der Kirche gereift sind, dort in deren Sicht der Welt gereinigt und korrigiert ihren Platz finden können. Das ist verwirklicht.” Dieses Zitat soll belegen, dass sich - abgesehen von der Freigabe der überlieferten Liturgie - nichts geändert habe: so als ob der Papst nicht gerade den größten Wert auf eine “Hermeneutik der Kontinuität” in der Konzilsinterpretation lege, um jedem Bruch der kirchlichen Lehrtradition den Boden zu entziehen.

Fellay wirft Rom vor, jedes negative Urteil über andere Religionen zu vermeiden: so als ob der Papst nie die Regensburger Rede gehalten hätte, die die Wut der muslimischen Welt provozierte. Ebenso ignoriert er de facto die im Sinne einer glaubenstreuen Ekklesiologie erfolgten Klarstellungen, die Rom zum “subsistit” gegeben hat, also zur Formulierung, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiere. Der klassische Vorwurf lautete, dass mit dieser Formulierung die Identität und die Einzigkeit der katholischen Kirche als der Kirche Christi aufgeweicht werde. Jeder Katholik, der diesen Namen verdient, freut sich über Klarstellungen, die einer heterodoxen Deutung dieser Formulierung den Boden entziehen. Doch wie reagiert Fellay? Er schreibt: “Die Kirche ist nicht die katholische Kirche, sie besteht in ihr (subsistit in). Mag man auch behaupten, sie bestehe nur in ihr, so ist doch festzustellen, dass man damit ein Wirken des Hl. Geistes und dieser Kirche Christi außerhalb der katholischen Kirche behauptet.” Fellay leugnet also ein Wirken des Hl. Geistes außerhalb der Kirche. Das ist nicht mehr katholisch. Der Satz, dass es außerhalb der Kirche keine Gnade gebe, wurde von Papst Clemens XI. verurteilt. Jede Gnade geht aber auf ein Wirken des Hl. Geistes zurück. Vom ursprünglichen Vorwurf an das subsistit bleibt also nicht mehr viel übrig.

Man gewinnt den Eindruck, dass Fellay an einer Interpretation des Konzils im Licht der Tradition kein Interesse habe. Verräterisch ist seine Stellungnahme zur römischen Verlautbarung: “Die kürzliche Klarstellung der Glaubenskongregation bezüglich des Wortes subsistit ist in dieser Beziehung sehr erhellend. Es wird dort behauptet, die Kirche könne keine Neuheiten lehren; dabei lehrt jedoch diese Klarstellung die auf dem Konzil eingeführte Neuheit ...” Fellay tut so, als ob die Klarstellung die Neuheit, also eine Abweichung vom bisherigen Glauben, bekräftige, und ignoriert, dass sie genau das Gegenteil tut. Und eine solche Priesterbruderschaft fordert theologische Verhandlungen! Da kann Rom gleich gegen Windmühlen kämpfen.

Fellay ignoriert alles, was Ratzinger sowohl als Kardinal wie auch als Papst unermüdlich für die Reinerhaltung des Glaubens getan hat, um bei seiner Diagnose zu bleiben, dass man heute nur im Kampf gegen die von Rom vorgegebene Richtung den Glauben bewahren könne. Es fällt schwer, Guido Horst die Zustimmung zu verweigern, wenn er kürzlich in der Tagespost schrieb: “Doch die Pius-Brüder haben sich schon längst aus diesem Krieg [zwischen gesundem Traditionalismus und nachkonziliarem Modernismus] ins Reich des Absurden verabschiedet.”

Doch selbst wenn der Kurswechsel Roms nicht stattgefunden hätte, wäre das kein Grund, eine Einigung mit Rom zu verweigern. Das Verhalten Erzbischof Marcel Lefebvres unter Paul VI. und in den Anfangsjahren des Pontifikats Johannes Pauls II. widerspricht der gegenwärtigen Haltung der Piusbruderschaft. “Lassen Sie uns das Experiment der Tradition machen!”, war seine Bitte, die er immer wieder an den Papst richtete. Nun möchte Rom dieses Experiment erlauben, aber die Piusbruderschaft will nichts mehr davon wissen. Sie möchte Zeiten abwarten, in denen die Tradition kein Experiment mehr ist.

Als Erzbischof Lefebvre die Einigung mit Rom vom 5. Mai 1988 platzen ließ, war der Grund kein theologischer, sondern ein psychologischer, wie er selber ausdrücklich feststellte: Er hatte kein Vertrauen, weil er die Zusagen Roms (Erlaubnis der überlieferten Liturgie, kanonische Errichtung und Anerkennung der Priesterbruderschaft) für eine Falle hielt. Inzwischen kann es keinen Zweifel daran geben, dass die ausgestreckte Hand des Heiligen Stuhles keine Falle ist, sondern ganz im Kontext eines ernsthaften Bemühens um eine echte liturgische und glaubensmäßige Erneuerung steht. Also auch jener Grund aus dem Jahre 1988 fällt heute weg.

Man hat den Eindruck, dass Fellay nicht, wie im Interview behauptet, auf den Papst zuläuft, sondern vor ihm wegläuft, und dies um so schneller, je mehr jener ihm entgegenkommt. Damit tut er das, was seine Gegner wollen. In diesem Punkt hat die UNA VOCE den Nagel auf den Kopf getroffen. Man könnte auch ein Wort Talleyrands auf die Piusbruderschaft anwenden: Ihre Verweigerungshaltung ist nicht nur Sünde, sondern ein Fehler.