Jesus Christus
Einige Gedanken über die Gretchenfrage unseres Glaubens
Von P. Engelbert Recktenwald
In unserem Glauben geht es nicht um Meinungen, sondern um eine Person. Er eröffnet uns eine personale Beziehung zu Jesus Christus. Deshalb ist der Gottmensch Mitte, Ziel und Urgrund unseres Glaubens. Die Frage, an der sich heute in der Kirche die Geister am tiefsten scheiden, ist nicht die Frage des Zölibats, der Pille oder des Frauenpriestertums. Die Fronten, die sich entlang dieser Fragen aufbauen, sind nur Ausläufer einer Scheidung, die sich am Eckstein unseres Glaubens vollzieht, der zum Stein des Anstoßes geworden ist. Die Diskussion um jene Fragen im Lichtkegel der Öffentlichkeit ist allgegenwärtig, die Erosion des Glaubens in seiner innersten Substanz dagegen bleibt im Verborgenen. Wenn sich die Kirche von den Verfechtern der ein- schlägigen Forderungen diese Themen in Diözesanforen, Dialogen und allen Formen der Verkündigung aufdrängen läßt, bedeutet dies nichts anderes als zuzulassen, daß der Kern der Krise verdeckt bleibt, und sich von der heiligsten Pflicht ablenken zu lassen. Diese besteht in der wirksamen Sorge, daß auf den Kanzeln und Lehrstühlen das authentische Christusbild verkündigt wird. Der größte Skandal ist nicht die Ablehnung von „Human-ae vitae” oder die Forderung des Frauenpriestertums, sondern die Verzerrung des Christusbildes. Daß z.B. die Meinung, Christus habe sich in der Naherwartung des Reiches Gottes geirrt, fast zum Standard heutiger Theologie geworden ist, bleibt der Öffentlichkeit relativ verborgen und wird anscheinend von den zuständigen Hirten nicht registriert, ist aber schlimmer als alle Forderungen des Kirchenvolksbegehrens und jeder Widerstand gegen die kirchliche Disziplin. Denn es geht um Jesus Christus! Es geht um den, um dessentwillen wir alles andere überhaupt erst glauben. Auch das andere ist von Belang, aber Jesus Christus ist es, der es erst belangvoll macht. Wenn Christus nicht der menschgewordene Gott ist, der für mich am Kreuz gestorben ist, um mich von der Hölle zu erretten, kann mir alles andere gestohlen bleiben. Dann ist es mir völlig egal, ob Priester heiraten oder Frauen Priester werden dürfen. Es ist grotesk, zu beobachten, wie es zum Teil dieselben Kreise sind, die einerseits das Frauenpriestertum fordern, andererseits die Einsetzung des Priestertums durch Christus leugnen, weil sie Christus nicht mehr für göttlich halten. Wenn das Priestertum nicht von Christus stammt, gibt es keine Priester, und was die Leugner der Einsetzung mit dem Wort „Priester” bezeichnen, ist etwas anderes. Auf diesem Hintergrund nehmen die aktuellen Diskussionen geradezu gespenstische Züge an.
Die Gespenster können wir nur verscheuchen, wenn wir alle Kontroversen in der Kirche auf die Gretchenfrage unseres Glaubens zurückführen. Aber welche Frage ist das? Die Menschheit Christi wird heute von niemandem geleugnet. Anders sieht es mit seiner Gottheit aus. Wenn ein Bischof einmal meinte, daß heutzutage sogar viele Priester nicht mehr an sie glauben, hat er tatsächlich den Finger auf die tiefste Wunde der Kirche gelegt. Die wenigsten der Betroffenen würden dies aber so offen zugeben. Leider ist es allzuleicht möglich, diese Frage in der theologischen Erörterung wie ein bloß akademisches Problem zu behandeln, das so viele begriffliche Unterscheidungen und Abstraktionen zuläßt, bis sich jedes eindeutige Bekenntnis in Wohlgefallen auflöst. Die Gretchenfrage muß so beschaffen sein, daß sie jedes Jonglieren mit Begriffen ausschließt. Sie muß dieselbe dogmatische Bedeutung wie die nach der Gottheit Jesu haben und gleichzeitig meine Christusbeziehung so im Innersten tangieren, daß ich um eine eindeutige Stellungnahme nicht herumkomme. Welches ist diese Gretchenfrage? Unter den vielen Varianten, die möglich sind, wollen wir eine ins Auge fassen. Sie lautet: “Hat der historische Jesus, als er am Kreuze litt, mich gekannt?”
Diese Frage ist dogmatisch entscheidend, weil sie zeigt, ob man mit dem Glauben an die Gottheit Jesu Christi Ernst macht, und sie ist gleichzeitig existentiell und spirituell von höchster Bedeutung, weil sie entscheidende Konsequenzen für meine Christusbeziehung hat. Nur wenn ich sie ohne Zögern bejahe, kann ich jene persönliche Beziehung zu Christus aufbauen, die er von mir erwartet.
Der Gekreuzigte hat mich gekannt. Überlegen wir uns, was das bedeutet. Christus war als Gott allwissend. Als Mensch hat er am göttlichen Wissen partizipiert. Von Anfang an wußte Christus auch als Mensch um seine Sendung. Er wußte, daß er auf diese Welt gekommen war, um zu leiden und durch sein Leiden uns zu erlösen. Er wußte um jeden Einzelnen, dem dieses Leiden galt. Papst Pius XII. lehrt in seiner Enzyklika “Mystici Corporis Christi” (1943), daß dem göttlichen Erlöser sogleich nach der Empfängnis im Schoße der Gottesmutter alle Glieder seines mystischen Leibes unablässig und jeden Augenblick gegenwärtig waren.
Jeder gläubige Christ darf und muß sich sagen: Christus hat mich, der ich jetzt 2000 Jahre später lebe, damals bereits gekannt. Er hat ununterbrochen an mich gedacht. Er ist für mich gestorben! Sein Tod war nicht ein Schicksal, das ihm unentrinnbar auferlegt war, sondern eine freiwillige Lebenshingabe, ein Opfer. Christus war nicht nur gehorsamer Aus- führer des göttlichen Ratschlusses, sondern selbst sein Urheber. Sein Tod war höchste Liebestat. “Niemand hat eine größere Liebe als die, daß er sein Leben hingibt für seine Freunde” (Joh 15,13).
Das bedeutet: Der historische Jesus am Kreuz hat mich nicht nur gekannt, er hat mich auch geliebt! Aus Liebe zu mir ist er gestorben. Er ist nicht für eine anonyme Masse gestorben. Er ist gestorben für Dich und mich, und wußte es. Er wußte und wollte es, weil er Dich und mich geliebt hat.
Die Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens, auf welche die meisten Exegeten so großen Wert legen, ist völlig fehl am Platz, wenn dadurch die Geltung der christologischen Glaubensaussagen auf den Christus des Glaubens beschränkt werden soll. Dann gelten sich nicht mehr dem historischen Jesus. Dann ist der Christus des Glaubens nichts anderes als ein frommer Selbstbetrug, und seine Liebe zu mir nützt mir nichts, weil es sie in der historischen Wirklichkeit niemals gegeben hat. Trotzdem an einem solchen Christus des Glaubens festzuhalten, be- deutet zu sagen: „Ich halte es für wahr, weil es so schön ist.” Ich dagegen halte es für schön, weil es wahr ist.
Wenn ich diese Wahrheit glaube, wandelt sich mein Leben. Ich lebe ständig unter dem Blick eines Anderen. Es ist ein liebender Blick. Die Liebe, die in diesem Blick liegt, ist unendlich größer, reiner und aufrichtiger als jede Liebe, die ich je in meinem Leben erfahren habe. Sie ist zarter als die Liebe meiner Mutter, stärker als die Liebe meines Vaters, aufrich- tiger als die Liebe meines Ehepartners, glühender als die Liebe aller Engel. Es ist die Liebe, die meinen Schöpfer bewogen hat, Mensch zu werden und für mich zu sterben. In Jesus Christus ist die Liebe Gottes sichtbar geworden. Sie hat in Ihm ein Antlitz erhalten, und wer Ihn sieht, sieht auch den Vater.
Dieser Blick ist jetzt auf mich gerichtet. Er überbrückt alle zeitliche und räumliche Distanz. Deshalb kann ich jetzt in eine ganz persönliche Beziehung zum Gekreuzigten treten. Als Christus damals litt, hatte er vor Augen, was ich jetzt tue. Meine Sünden von heute haben ihn damals gequält, und meine jetzige Liebe hat ihn damals getröstet. Derselbe historische Jesus, der damals litt, thront jetzt zur Rechten des Vaters, und er schaut mich auch jetzt mit demselben Blick der Liebe an wie damals. Er hat sein ganzes irdisches Leben gegenwärtig, so wie auch wir in der Ewigkeit unser vergangenes Leben immer bei uns haben werden. Dieses Geheimnis der Koexistenz von Zeit und Ewigkeit ist der Ermöglichungs- grund der hl. Messe, wo das damalige Erlösungsgeschehen mystischerweise gegenwärtig gesetzt wird.
Der Blick der Liebe, den der Mensch Jesus Christus vor 2000 Jahren auf mich gerichtet hat, ist der inkarnierte Blick jener Liebe, mit der Gott mich seit Ewigkeit anschaut. Den Gedanken an mich trägt mein Schöpfer seit Ewigkeit in sei- nem Herzen, und dieses Herz ist das Herz des Gekreuzigten geworden, das vom Lanzenstoß durchbohrt wurde. Die Liebe seines Blicks hat ihren Quell in seinem Herzen. Schwester Isa Vermehren hat kürzlich in einem tiefschürfenden Vortrag darauf aufmerksam gemacht, daß gerade die Herz-Jesu-Verehrung am meisten geeignet ist, den personalen Charakter unseres Glaubens vor jeder Ideologisierung, Institutionalisierung und Funktionalisierung zu schützen.1 Nichts und niemand kann mich der Aufgabe entheben, zu dieser Liebe Stellung zu nehmen. Meine innerste Freiheit ist angesprochen und aufgerufen. Christus hat sein Herz für mich geöffnet und mir die Quelle seiner verzehrenden Liebe gezeigt. Er schaut mich an mit einem unendlich liebenden Blick. In diesem Blick liegt aber auch die Frage: Wie werde ich antworten? In ihm liegt die Sehnsucht nach meiner Gegenliebe. Christus hat mir sein Herz geschenkt, und mit unendlicher Geduld, liebender Sehnsucht und quälendem Durst wartet er auf das meine. Kein kirchlicher Aktivismus, kein kritischer Dialog und kein soziales Engagement können mich einer Antwort entheben. Jedes Engagement nimmt den Charakter einer Flucht an, wenn es mich davon ablenkt, in eine persönliche und liebende Beziehung zum Herrn einzutreten. Ausweichen gilt nicht! Der Blick des Herrn ruht auf mir, und irgendwann muß ich diesem Blick begegnen, spätestens im Tod. Der hl. Alfons Maria von Liguori sagt, im Tod wird dieser Blick entweder ein Blick der Liebe oder des Zornes sein.
Wer diesem Blick aber schon in diesem Leben begegnet, darf immer mit seiner Liebe rechnen. Denn solange wir leben, will Christus uns nicht Richter, sondern Erlöser sein. Weil es sich um die Liebe eines Erlösers handelt, hindern meine Sünden seine Liebe nicht. Indem ich mich der Liebe Christi glaubend und vertrauend zuwende, verlieren die Sünden ihren Charakter als Hindernis. Sie hindern nicht meine Liebe zu Christus, weil meine Zuwendung ja schon Wirklichkeit geworden ist und damit stärker als die Abwendung, die in der Sünde liegt. Und sie hindern nicht die Liebe des Herrn zu mir, weil sie durch meine Zuwendung Gegenstand seines Erbarmens werden. Ja, meine Zuwendung ist bereits Zeichen und Frucht eines ersten erfolgreichen Wirkens seiner Liebe in meiner Seele. Wenn ich meinen Widerstand gegen seine Liebe aufgebe, findet dieselbe gerade in meinem Sündenelend ihr erstes und bevorzugtes Betätigungsfeld. Sie wird verzeihende Liebe, Barmherzigkeit. Dank seines Erbarmens darf ich mich vollkommen angenommen fühlen, so wie ich bin, mit all meinen Sünden, Fehlern und Schwächen, mit meinem Versagen und mit meiner Schuld. Ich brauche keine Abweisung zu fürchten, keinen Vorwurf und keinen Sturm der Entrüstung. Sobald ich an die Liebe Christi glaube und mich ihm anvertraue, trete ich in den Lichtkegel seiner erlösenden Barmherzigkeit, die nun in meiner Seele ihr Werk vollbringen kann: Sie tilgt meine Schuld, sie befreit mich von der Verstrickung in Sünde und Not, sie heilt die Wunden meiner Seele.
Jeder, der Christus zu lieben beginnt, macht eine merkwürdige Erfahrung: Je mehr er geben will, um so mehr erfährt er sich als der Beschenkte. Je mehr er Christus lieben will, um so mehr erkennt er, wie gering und erbärmlich seine Liebe ist, und gleichzeitig erfährt er, daß Christus ihn trotzdem liebt. Gerade das macht das Beglückende an seiner Liebe aus. Ich erkenne, wie wenig ich seine Liebe verdiene und wie ich trotzdem von Ihm geliebt werde. Christus schenkt mir seine Liebe, weil Er so gut ist, nicht weil ich es bin. Je mehr meine Not wächst angesichts meiner Unfähigkeit, Ihn zu lieben, um so mehr wächst meine Seligkeit angesichts seiner Beharrlichkeit, mich immer weiter zu lieben. Je mehr ich meine Armut erkenne und anerkenne, um so mehr werde ich von Ihm beschenkt und reich gemacht. Der hl. Vinzenz Pallotti schreibt: “Nichts und Sünde ist mein ganzer Reichtum, Nichts und Sünde ist mein ganzes Leben. Aber durch die Liebe Gottes und seine große Barmherzigkeit ist das ganze Leben unseres Herrn Jesus Christus mein Leben.”
Es ist etwas anderes, auf diese Weise die Liebe Gottes zu erfahren, und etwas anderes, sich auf die Liebe Gottes zu berufen, um im Sündigen fortfahren zu können. Bei näherem Zusehen stellt sich im letzten Fall diese Liebe als ein Zerrbild der Liebe Gottes heraus. Dieselbe besteht nicht mehr darin, unsere Sünden zu verzeihen und uns aus unserer Not zu erlösen, sondern die Sünden zu verharmlosen und uns in unserer Not zu belassen. Wer mit Berufung auf die Liebe Gottes z.B. die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten fordert, kann unmöglich dieser Liebe im Blick des Herrn einmal begegnet sein. Er beruft sich zwar auf die Liebe Gottes, aber wie auf eine Instanz, die ihm fremd geblieben ist und die er niemals erfahren hat. Die Liebe kann niemals ja sagen zur Sünde. Wer der Liebe des Herrn begegnet, erfährt sie auch als solche, die nichts Unheiliges in ihrer Nähe dulden kann, die höchste Reinheit der Seele fordert. Die Liebe Christi ist gleichzeitig verzeihend und fordernd, zärtlich einladend und streng gebietend, unendlich sanft und überraschend stark. Das sind nur scheinbare Gegensätze. Wer die verzeihende Liebe des Herrn erfahren hat, weiß, wie unwiderstehlich in ihm der Drang entsteht, diese Liebe mit Gegenliebe zu beantworten. Je sanfter die erfahrene Liebe, um so stärker dieser Drang; je beseligender die Erfahrung ihrer Milde, um so quälender das Wissen um die eigene Unfähigkeit, Christus so zu lieben, wie er es eigentlich verdient.
Die hl. Theresia vom Kinde Jesu berichtet von der großen Gnade, die für sie der Auslöser für ihren Entschluß war, sich als Brandopfer der erbarmenden Liebe anzubieten. Es war die Gnade, klarer denn je zu erkennen, wie sehr Jesus sich danach sehnt, geliebt zu werden. Diese Sehnsucht hat nichts Egozentrisches an sich, sondern kommt unserem Bedürfnis entgegen, daß demjenigen, den wir lieben, unsere Liebe kostbar ist. Wir brauchen, daß man uns braucht, sagt C.S. Lewis,2 deshalb will Gott, dem nichts mangelt, unser bedürfen. Daß Jesus zu einem Dürstenden nach unserer Liebe wird, kommt wiederum nur aus der Überfülle seiner Liebe zu uns.
Die Mitte unseres Glaubens ist diese nach Entfaltung drängende Beziehung von Herz zu Herz. Wenn die hl. Theresia die „Geschichte einer Seele” geschrieben hat, dann könnte der Herr über jede Seele, die er einmal bei sich im Himmel haben wird, die „Geschichte einer Liebe” schreiben. Jede Seele wird von Ihm ganz persönlich geliebt, und das Leben jedes Menschen ist nichts anderes als die Geschichte, wie er auf diese Liebe reagiert hat. Diese Geschichte kann sehr wechselvoll sein, die Geschichte eines Ringens der Liebe Gottes mit dem Widerstand des Menschen, die Geschichte vom Aufblühen und Verwelken der menschlichen Gegenliebe, vom Fallen und Wiederaufstehen. Derjenige aber, der dem Blick des Herrn immer ausgewichen ist, ja nicht einmal daran glaubte, daß der Gekreuzigte ihn gekannt hat und ihn anblickt, hat der überhaupt gelebt?
Wer der Liebe des Herrn begegnet, erfährt in sich nicht nur das Aufbrechen einer unendlichen Sehnsucht, den Herrn zu lieben, sondern auch des Wunsches, daß er von möglichst vielen Seelen geliebt wird, und der Sehnsucht, an der Verwirklichung dieses Wunsches mitzuwirken. Diese Erfahrung machte die Liebe der hl. Theresia zu einer missiona- rischen und wird von ihr vielfach beschrieben.3 Im Lichte dieser Erfahrung relativiert sich die Bedeutung vieler An- liegen, die heute die kirchlichen Schlagzeilen beherrschen und die Gemüter erregen. Was für ein Gewicht haben sie schon im Vergleich zur alles überragenden Wirklichkeit der Liebe Jesu Christi? Wenn ich ihr begegnet bin, brennt in mir nur noch der Wunsch, daß diese Liebe erwidert wird. Und nun soll ich über den Zölibat diskutieren? Wie langweilig! Daß Christus immer mehr erkannt und geliebt wird, ist das einzige Anliegen, das mir auf den Nägeln brennt. Und jetzt soll ich auf den Zeitgeist hören und meine Energie für den Kampf um das Frauenpriestertum verschwenden? Welche Zumutung! Die Verdunstung des Christusglaubens trocknet das kirchliche Leben aus, und jetzt soll ich von etwas mehr Unzucht (darauf läuft ja letztlich die Forderung nach einer Lockerung der kirchlichen Morallehre hinaus) eine Erneuerung der Kirche erwarten? Lächerlich!
Es geht in unserem Glauben nicht um Meinungen, sondern um Christus. Über Meinungen kann man diskutieren, zu Christus muß man sich bekennen. Meinungen sind Gegenstand des Dialogs, Christus ist das Ziel eines bedingungs- losen Glaubens. Wenn Meinungen das Klima der Kirche beherrschen, wird dieselbe zu einem zerstrittenen Debattierclub, wenn Christus in der Kirche herrscht, wird sie eins in der Liebe.
1Der sehr empfehlenswerte Vortrag ist als Broschüre erschienen: Isa Vermehren, “Das Reich Gottes ist inwendig in euch” , 36 Seiten. Sie ist zu beziehen bei P. Engelbert Recktenwald, Johann- Heinrich-Platz 12, 50935 Köln.
2 C.S. Lewis, Über den Schmerz, Gießen 31995, S. 49.
3 Z. B.: “Ach! mehr denn je fühle ich, Jesus dürstet . Er trifft nur auf Undankbare und Gleichgültige unter den Jüngern der Welt und unter seinen eigenen Jüngern findet er, ach! so wenig Herzen, die sich ihm ohne Rückhalt hingeben, die die ganze Zärtlichkeit seiner unendlichen Liebe verstehen.” Selbstbiographie 131996, S. 193
